Mein Brief an den Bürgermeister

Ich habe unanhängig von der Unterschriftenaktion selbst noch einen Brief an den Bürgermeister verfasst. Für mehr Transparenz und auch, um noch einmal laut meinen Protest deutlich zu machen, veröffentliche ich diesen auch hier.

Ich hoffe immer noch auf Dienstag, auch wenn meine Zuversicht ehrlichgesagt schwindet…  Hinter Bürgermeistern verbergen sich aber ja auch Menschen, denke ich mir. Ebenso hinter Gemeinderäten…

Sehr geehrter Herr Schmid,

sehr verwundert schreibe ich Ihnen aufgrund der zum 01. Juni 2009 neu beschlossenen Leinenverordnung.
Selbstverständlich sind wir ein demokratisches Land, weshalb Mehrheiten gelten, auch wenn sie einzelnen nicht zusagen.  Ebenso ist es aus diesem Grund kein Problem, sich demokratisch, offen und frei äußern zu dürfen.
Als relativ neue Hundebesitzerin eines definitionsgemäß inzwischen großen Hundes befürworte ich die bisherige, liberalere Leinenverordnung und lehne die Neuregelung in Ihrer derzeitig im Gemeindeblatt abgedruckten Form ab. Ich möchte Sie vorsorglich freundlich darauf hinweisen, dass ich mich als Wenzenbacherin abseits jeglichen parteipolitischen Engagements dafür einsetze, die liberalere Leinenverordnung beizubehalten, insbesondere aber den Dialog zu finden und für Toleranz und gegenseitiges Miteinander einzutreten.

Selbstverständlich haben Haustiere, insbesondere Hunde, in unserer Gesellschaft einen sozialen Charakter. Es geht sicherlich nicht nur darum, durch ein Haustier Kontakt mit anderen zu finden, es ist aber durchaus ein netter Nebenaspekt, der bei vielen, gerade älteren Menschen zu mehr Lebensqualität beiträgt. Ich erinnere mich gerne an jenen älteren Herrn, der bis letzten Sommer täglich mit seinem alten, schon etwas kränkelnden (großen) Hund spazieren gegangen ist und immer sehr freundlich für ein paar nette Worte Zeit hatte. Manchmal spielten Hund und Herrchen auf der Wiese - ohne Leine. Irgendwann starb der Hund und der Mann ging traurig einige Tage allein in Wenzenbach spazieren. Seither habe ich ihn leider nicht mehr gesehen. Vielleicht macht es ihm alleine keinen Spaß mehr.
Es mag durchaus sein, dass der soziale Aspekt, sich einen Hund anzuschaffen, das “kranke Abbild” unserer Gesellschaft zeigt, - so nach Hörensagen(!) im Tenor eine offizielle Äußerung.  Allein die Wortwahl ist jedoch unsachlich und kann von jedem Hundebesitzer nur mit Kopfschütteln quittiert werden.  Insbesondere aber verwundert dann - so zutreffend-  der Tenor an sich, der in eine abendliche Stammtischrunde passen würde, nicht aber in eine Gemeinde.

Nicht nur Nicht-Hundebesitzer wünschen sich eine saubere Gemeinde.
Üblicherweise können hierfür so genannte Hundetoiletten und passende Abfallbehälter aufgestellt werden, wie dies in anderen Gemeinden längst praktiziert wird.  Es verwundert doch sehr, dass die Entsorgung von Hundekot Ihrer  Auffassung nach, wie ich gehört habe, in der heimischen Mülltonne passieren soll, da die Entsorgung den Gemeindemitarbeitern nicht zuzumuten sei.
Selbstverständlich hebe ich Hundehäufchen nicht mit der blanken Hand sondern mit einer Tüte auf, um verschmutzte Hände zu vermeiden, und knote diese danach zu, wie dies jeder Hundebesitzer tun würde. So könnte definitiv ausgeschlossen werden, dass die Gemeindemitarbeiter verschmutzte Hände vom Hundekot bekommen könnten, sobald sie eine Mülltonne ausleeren.
Warum stellt die Gemeinde keine Hundetoiletten auf? Sollte es dann weiterhin zu Problemen kommen, verstehe ich Ihre Verärgerung durchaus.
Die Idee mit den Mülltonnen übrigens hat doch noch einen weiteren Vorteil: der Flurbereinigungsweg als auch Radlweg und Gelände um den Sportplatz sind häufig verschmutzt durch achtlos weggeworfene Verpackungen (übrigens für Hundebesitzer durchaus ein Problem).  Ich dokumentiere Ihnen das gerne auf Wunsch. Vielleicht könnte man da ja auch etwas entgegenwirken?

Als Hundebesitzer empfinde ich jedoch die in der Gemeinde offenbar vorherrschende Einschätzung von Nicht-Hundebesitzern zur Hundehaltung als besonders dramatisch.
Hunde brauchen Auslauf und sie brauchen soziale Kontakte. Hierfür ist ein Garten einfach nicht ausreichend, mag er noch so groß sein.
Das Bedürfnis eines Hundes, beispielsweise Auslauf, Aufgaben, Spielen mit Menschen und anderen Hunden, ist abhängig von der Hunderasse und nicht ausschließlich von der Größe.  Verantwortungsvoll mit einem Hund umgehen, bedeutet für den Hundebesitzer, dem Hund eine artgerechte Haltung zukommen zu lassen und ihn im Hinblick auf Menschen und Verhalten zu sozialisieren. Der Hund ist für den Hundehalter ein Freund, im Allgemeinen jedoch kein Mittel zur Selbstverteidigung, wie gerne mal unterstellt.
Da ein Hund für viele, gerade auch ältere oder allein stehende Menschen einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität leistet, ist die Anschaffung eines Hundes vor allem davon abhängig zu machen, was man seinem Tier bieten kann, jedoch nicht ausschließlich von der wohnlichen Situation, die - wäre der Garten der ideale Auslauf- normale Größen deutlich überschreiten müsste.

Selbstverständlich haben kleine Kinder gelegentlich Angst vor Hunden. Ich halte diese Angst, diese natürliche Vorsicht, für äußerst gesund. Wäre aber nicht das auch eine Gelegenheit, Kindern zu vermitteln, wie man mit Tieren umgeht, statt diese Angst durch Erwachsene eventuell noch zu schüren?
Als Mutter eines vierjährigen Kindes, die in ihrer Jugend von einem Hund angefallen und verletzt wurde, sehe ich die Ängste der Nicht-Hundebesitzer durchaus, weiß aber, wie wertvoll es ist, sich mit dem Thema Tier und Mensch auseinanderzusetzen. Wie gut es mit großem Hund und kleinem Kind tagtäglich funktionieren kann, habe ich erfreulicherweise kennen gerlernt.

Es ist nicht in meinen Interesse, als Hundebesitzer, “Angst und Schrecken” zu verbreiten. Im Gegenteil würde ich mir wünschen, dass mein Hund bei anderen, auch bei Nicht-Hundebesitzern, beliebt ist. Dass ich zudem auch in meinen Interesse und im Interesse meines Hundes darauf achte, ihn je nach Situation angeleint zu lassen, um Unfälle zu vermeiden, ist eine weitere Sache.
Wir Hundebesitzer haben Sorge, dass mit verschärfter Leinenverordnung vor allem die Dorfgemeinschaft gespalten wird und es zu Misstrauen kommt.  Wünschenswert hingegen wäre es, in einer Gemeinde wie Wenzenbach ein soziales Miteinander zu unterstützen und aktiv zu fördern.
Verwundert stelle ich übrigens beim Blick in das Gemeindeblatt fest, dass die neue Regelung für 20 Jahre festgeschrieben ist, während die alte nicht einmal vier Jahre Bestand hatte. Gab es in den letzten Jahren alarmierende Vorkommnisse, die diese doch wesentlich rigorosere Festlegung nötig gemacht hätten?
Wir alle haben Platz. Auf dem Radlweg, auf dem Flurbereinigungsweg und überall in der Gemeinde. Ich erfahre es glücklicherweise jeden Tag. Es sind Einzelfälle, in denen das Miteinander nicht klappt.
Es geht, solange alle Beteiligten auf ihre Mitmenschen achten und Rücksicht nehmen. Bisher bleibe beispielsweise oft ich mit angeleintem Hund am Radlweg stehen. Ist es nicht auch meine Freiheit, weitergehen zu können? Leider stehen uns Hundebesitzern andere Lobbyisten gegenüber, vor allem passionierte Jäger und Landwirte. Das Ziel muss daher sein, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen, den Dialog zu finden und Lösungen zu finden, die allen ihre persönliche Freiheit lassen. Auch Hunde sind ein Hobby.
Ich bitte Sie daher als Mutter, als Hundebesitzerin und als Wenzenbacherin inständig, sich für eine liberale Lösung einzusetzen und am sozialen Miteinander zu arbeiten, das allen Wenzenbachern ihren Raum lässt. Ich bitte Sie, uns Hundebesitzer (wie auch andere Gruppen) dabei zu unterstützen, sich mit anderen auszutauschen, um aufzuklären.
Wenzenbach ist ein schönes Dorf mit netten Bewohnern. Lassen Sie uns doch alle zusammen an einer “Vorzeigegemeinde” arbeiten - unabhängig von den Befindlichkeiten und Interessen einzelner (inklusive derer innerhalb der Gemeindeverwaltung).

Sollte sich eine liberalere Lösung wie gehabt, nicht mehr umsetzen lassen, so bitte ich Sie höflichst, mir, am besten anhand eines Gemeindeplans, die von der neuen Leinenverordnung konkret betroffenen bzw. nicht betroffenen Gebiete zu nennen, damit ich auch weiterhin ohne Gefahr eines Bußgelds meinen Hund zu meiner und seiner Freude bewegen kann.

Ich würde mich über eine persönliche Antwort sehr freuen,
mit freundlichen Grüßen

Anne-Kathrin Merz

 

4 Antworten zum Beitrag “Mein Brief an den Bürgermeister”

  1. synpa

    geschrieben am 28 Apr 09 um 10:58

    Hallo Anne-Kathrin,

    ich wohne auch in Wenzenbach und habe auch einen großen Hund. Noch dazu zählt dieser zu den sog. “gefährlichen”. Bis jetzt hatte ich keine großartigen Vorkommnisse, nur durch diese Verschärfung sitzen wir jetzt alle in einem Boot. Es war bis jetzt immer so das ich meinen Hund innerhalb der Ortschaft an der Leine führen muss, sonst hätte es dieses sog. Bussgeld von mind. 500,- EUR gegeben. Das ist für mich jetzt nichts Neues.

    Es wäre schön wenn mal einer definieren könnte was “offentlicher Weg” heißt ?

    Da unser Dorf ja sehr kommunikativ ist, wird man von jedem auf diese unmögliche Verodnung angesprochen und daher achten jetzt wahrscheinlich NICHT-Hunde-Fans besonders darauf. Haben wir wirklich nichts besseres zu tun als anderen Leuten das Leben schwer zu machen ?

    Mich würde auch interessieren welche genauen Gebiete das umfasst. Da lt. Tierschutzverordnung ein Freilauf ermöglicht werden muss. Normalerweise konnte man unseren Hunden das ausserhalb der Ortschaft immer bieten, nur jetzt ??? Kennt sich keiner mehr aus.

    Gibt es denn irgendeine Möglichkeit das man diese Verordnung noch kippen könnte. Kann man sich an irgendwelchen Aktionen beteiligen ?

    Gibt es schon eine Antwort auf Deinen Brief an den Bürgermeister ?

    Viele Grüße

    synpa

  2. Anne-Kathrin

    geschrieben am 28 Apr 09 um 15:29

    Hallo,

    schön, dass hier jetzt auch Wenzenbacher schreiben!
    Nein, es gibt noch keine Antwort und erstmal müssen wir abwarten.
    Ab morgen wird es dann interessanter - und ich bin gespannt, ob ich eine Antwort bekomme ;-)

    Viele Grüße!

  3. Sandobaba

    geschrieben am 05 Jun 09 um 14:42

    Liebe Frau Anne-Kathrin Merz,

    ein netter Zufall brachte mich auf Ihren offenen Brief an unseren Bürgermeister in Wenzenbach. Ich möchte Ihnen in vielen Punkten zustimmen und Ihnen ausdrücklich versichern: Sie sind nicht allein. Auch ich lebe in Wenzenbach, habe selbst leider kein Haustier mehr, aber Freunde mit Hunden.

    Unsere Verantwortlichen in der Gemeinde haben eigentlich das Zeug dazu, so etwas besser zu machen. Man braucht nicht erst eine neue Verordnung beschließen, die in der Form nicht zulässig ist - übrigens gegen besseren Rat - um sie anschließend in einem kompliziert wirkenden Rückzug vollständig umzukrempeln. Warum hat man die bisherige Regelung nicht einfach verlängert ?

    Gerne möchte ich mithelfen, an der Wohlfühlgemeinde Wenzenbach mit zu arbeiten und den netten Menschen in der schönen Landschaft einfach mal sagen: Wenzenbach hat alle Vorraussetzungen dazu, ein gutes Image und positive Pressemeldungen zu erreichen. Warum eigentlich versuchen wir das nicht gemeinsam und lösen uns von alten verkrusteten Strukturen.
    Stellen wir uns einfach mal ein Bild vor: Wenzenbach, stadtnah zu Regensburg, blühende Landschaft, Wanderwege in guter Höhenluft, freundliche Verwaltung, erfolgreiche Gewerbebetriebe und liebenswerte Menschen die mit Ihren Kindern und Haustieren spazieren…

    Alles Gute, Ihr Sandobaba

  4. Anne-Kathrin

    geschrieben am 08 Jun 09 um 11:19

    Wir sind durchaus einer Meinung.
    Ich bin dabei nur niemand, der sich von einer Partei abhängig machen möchte… ;-)
    “Unsere Verantwortlichen in der Gemeinde haben eigentlich das Zeug dazu, so etwas besser zu machen. ” Naaaajaaa.
    Es überwiegt: man hat keine Lust dazu oder sieht keine Notwendigkeit, etwas besser zu machen. Besser ist so wie es gefällt. Derzeit eben so.
    Wer hier zu den “Verantwortlichen” zählt, ist Wenzenbachern auch hinreichend bekannt…

Auch was dazu sagen?